Die Sensation ist perfekt: Tulln hat wieder einen Bundesliga-Meister!

Kein Drehbuchautor hätte die Dramaturgie dieses Finales spannender schreiben, kein Regisseur packender inszenieren können: Erst mit dem allerletzten Versuch der Konkurrenz überholt unser Team den Top-Favoriten SK Vöest Linz und gewinnt mit einem Hauch von 0,55 Punkten Vorsprung den Bundesliga-Titel 2017!

 

Vor genau drei Jahren beschlossen HSV-Sektionsleiter Stefan Weindl und FAC Gitti-City Stockerau-Chef Andreas Leister, etwas Neues zu wagen: eine blutjunge Mannschaft aus den eigenen Reihen im Alter von 14 bis 20 Jahren für die Bundesliga aufzubauen. Ohne Legionäre, ohne Zukauf, ohne ältere Athleten. Ziel sollte sein, in etwa fünf Jahren um den Titel mitkämpfen zu können. Doch dann ging alles viel schneller…

 

Bereits im ersten Jahr konnten wir uns mit respektablen 1.526,76 Punkten über den dritten Podestplatz freuen. Im zweiten Jahr dann ein großer Leistungssprung: mit 1.679,02 Punkten kamen wir bereits bis auf 53 Punkte an die Linzer Seriensieger heran und beendeten die Saison mit dem Vizemeistertitel. Den unerwarteten Zugang und die Integration des Asylwerbers Aslanbek Arsimerzayev, ein ehemaliger Weltklasse-Athlet aus Kasachstan, sahen wir dabei nicht als Bruch in unserer Linie als vielmehr eine menschliche Verpflichtung.

 

Dann 2017. Souveräne Vorrundensiege. Erstmals das Knacken der 1.700 Punkte-Schwelle. Und schließlich die letzte Vorrundenbegegnung beim direkten Kontrahenten in Linz. Im Reißen noch ein knapper Rückstand, drehten wir im Stoßen die Partie und siegten mit 16,72 Punkten Vorsprung – ein Hauch von sehr wenig, umgerechnet etwa 14 Kilogramm.

 

Endlich ist es soweit. Das Finale. Wie viel konnten die Werkssportler aufholen? Welche Reserven würden wir noch ausschöpfen können? Die 1. von 3 Finalgruppen. Für die Linzer steht eine Leistungsgutschrift für WM-Starter Sargis Martirosjan. Der zweite Starter, Michael Rottner, lässt im Vergleich zur Vorrunde rund 4,5 Punkte liegen. Bei uns beginnt Maximilian Moldaschl mit souveränen 106 kg Reißen. Dann die Schrecksekunde: beim Versuch, mit 111 kg eine neue Bestleistung aufzustellen, verliert Max kurz die Kontrolle und greift sich an den Rücken. Was ist passiert? In der Zwischenzeit gelingen Mario Pöttinger 5 kg mehr als in Linz. Im Stoßen wartet alles auf Max. Er scheint entschlossen, nagelt 125 kg auf die Treppe. Ob er die Verletzung spürt oder einfach weggepackt hat – sein Siegeswille ist unübersehbar: neue Bestleistung mit 131 kg! Mario legt mit 135 kg nach, macht insgesamt 11 Punkte mehr als in Linz. Im Total dieser Gruppe haben wir den Vorsprung um gut 13 Punkte ausgebaut. Es schaut gut aus.

 

2. Gruppe. Der Angriff des SK Vöest. Robert Wachet und Manuel Peitl verbessern sich im Vorrundenvergleich um unerwartete 31 (!) Punkte. EM-Starter Florian Koch und Aslanbek Arsimerzayev erwischen hingegen nicht ihren allerbesten Tag. Aber sie kämpfen. Kämpfen um jedes Kilogramm. Mit letztem Einsatz. Gegenüber dem Linz-Kampf verlieren sie nur etwa 3,5 Punkte, praktisch nichts. Dennoch, aufgrund der Sonderleistungen von Wachet und Peitl liegen die Blauen nun sogar knapp in Führung. Die Entscheidung muss in der letzten Gruppe fallen.

 

3. Gruppe. Die Nervenprobe. Für Linz am Start Manuel Littringer, ein Beißer, einer, die nie aufgibt. Für uns der stärkste Nachwuchs-Gewichtheber Österreichs, Philipp Forster, der, der’s mit seiner Coolness richten soll. Littringer startet mit 127 kg Reißen in seinen Wettkampf. Forster ist offensichtlich übermotiviert – er reißt sein Anfangsgewicht von 154 kg hinten durch, Fehlversuch. Littringer scheitert an 132 kg. Wieder Forster. Jetzt versucht er zu dosieren. Zu viel, die Hantel fliegt vorne runter. Um Gottes Willen, platzen nun all unsere Träume? Littringer scheitert auch in der Ausbesserung. Ein Hoffnungsschimmer, sind die gewerteten 127 doch um 9 kg weniger als in der Vorrunde, aber nur, wenn Philipp seinen letzten Reißversuch zustande bringt. Er ist konzentriert, er wirkt cool, er macht alles wie immer. Und jetzt sind sie da! Kurzes Warten in der Hocke, stabilisieren, aufstehen, grinsen, an den Kopf greifen, jubeln. Die Chance ist intakt, der Rückstand aufholbar.

 

Stoßen. Littringer beginnt mit gültigen 156 kg, Forster mit souveränen 185 kg. Wir sind nur noch ganz knapp hinter Vöest. Littringer riskiert. 162 kg. Es sieht schwer aus, aber er schafft es – neue Bestleistung. Nun brauchen wir 196 kg, um die Führung zu übernehmen. Es sieht so spielerisch aus. Philipp wirkt heute in der Verfassung, alles zu können, was nötig ist. Viele sind der Meinung, wir sind schon durch, bei Manuel gehe ohnehin nichts mehr. Doch der fordert 164 kg. Und tatsächlich: er steht mit der Last auf, bringt sie mit letzter Kraft über den Kopf, tanzt ein paar Schritte, bis er in die geforderte Ruheposition kommt. Das Ab der Schiedsrichter, das Grün der Anzeigetafel, der unbändige Jubel der Linzer. Sie haben alles gegeben. Jetzt liegt es am allerletzten Versuch. Jetzt liegt es an Philipp. Was geht wohl in seinem Kopf vor? Man sieht es nicht, man spürt es nicht, er ist einfach eine coole Socke. Geht konzentriert zur Hantel, zögert nicht lange, setzt leicht um, wartet kurz, stößt aus und spannt dagegen – ein Bilderbuchversuch. Der Bundesliga-Titel!

 

32 Jahre ist es her, dass eine NÖ Wettkampfgemeinschaft Bundesliga-Meister wurde. Damals war es ebenso sensationell und kaum weniger spannend. Federführend 1985 übrigens Leopold Höller, der Vorgänger von Weindl. Vielleicht ist es ja gerade das Talent der Lebarner Gewichtheber-Chefs, ein Gespür für sinn- und wertvolle Kooperationen zu haben. Obwohl: die besten Kooperationen nützen nichts, wenn man nicht Athleten wie Philipp Forster, Florian Koch, Maximilian Moldaschl, Aslanbek Arsimerzayev, Mario Pöttinger und Ersatzmann Florian Doppler hat. Was diese Burschen in den letzten drei Jahren geleistet haben, ist einfach sensationell. Genauso wie der Titel, den sie nun verdient gewonnen haben.

Wettkampf-Protokoll Finale
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