Andreas Frasl stärkster Bankdrücker Europas!

Seit 2008 schrammte er bei internationalen Meisterschaften mit insgesamt acht 4. und 5. Plätzen immer knapp am Podest vorbei – nie hat es für eine Medaille gereicht, stets hat eine Kleinigkeit gefehlt. Doch Aufgeben war für ihn nie eine Option. Jetzt hat es Andreas Frasl ganz nach oben geschafft: er ist neuer Europameister im Bankdrücken!

Es war ein nervenaufreibender Kampf. Für ihn selbst wie für seine Fans und Vereinskollegen vor dem Bildschirm. Nach den Weltmeisterschaften im Vorjahr wusste Andreas, dass die absolute Spitze erreichbar ist; die Vorbereitung lief optimal und er fühlte sich in Top-Form. Also stieg er als letzter Athlet seiner Gewichtsklasse mit mutigen 222,5 kg ein – was gleichzeitig einen neuen österreichischen Rekord bedeutet hätte.

 

Doch die Anspannung und die historische Chance vor Augen, nach den Sternen greifen zu können, kosteten ihn jene paar Prozent Konzentration, die im Hochleistungssport den Unterschied machen. Er bekam den Versuch ungültig bewertet. Damit waren alle Strategien für mögliche taktische Steigerungen über den Haufen geworfen. Aber Stanislav Urusov, der bis dahin mit 210 kg in Führung liegende härteste Konkurrent aus Russland, verabsäumte es, mit einer höheren Steigerung für den Zweitversuch Druck auf Andreas auszuüben. Zwar gültig, lagen seine 217,5 kg noch immer unter dem Einstiegsgewicht unseres HSV-Athleten. Jetzt ging es um die Vorentscheidung: die Ausbesserung im Zweitversuch musste gelingen. Entschlossen spannte sich Andreas in die Bank, ließ 222,5 kg erneut langsam auf den richtigen Punkt auf seiner Brust absinken und drückte die unfassbare Last mit dem Mut der Verzweiflung Zentimeter für Zentimeter nach oben. Für den Blick eines Insiders vielleicht nicht vollkommen überzeugend und immer noch nervös, doch diesmal technisch korrekt und gültig – die vorläufige Führung!

 

Gong zur alles entscheidenden, dritten Runde. Der Russe verlangte 225 kg, um an Andreas vorbeizuziehen. Beim heimischen Public Viewing wurde es mucksmäuschenstill. Gewicht zur Brust, Warten auf das Signal des Wettkampfrichters, drücken… nein, Urusov schaffte kein vollständiges Durchdrücken der Arme, und damit stand fest: Andreas Frasl ist neuer Europameister!

 

Mit der Erleichterung, das große Ziel endlich erreicht zu haben, ließ Andreas nun den neuen Europarekord von 243 kg auflegen. Ja, jetzt zeigte er die befreite Körpersprache eines Champions. Mit unglaublicher Souveränität drückte er die Last vollständig durch. Nur zwei der drei Schiedsrichter vereitelten den neuen Rekord, weil sie ein minimales, unerlaubtes Anheben des Gesäßes zu sehen glaubten. Doch der Traum, einmal Gold zu holen und zumindest einen Rekordversuch zu unternehmen, war perfekt

Wie kommt man überhaupt dazu, sich in einer Sportart bis zur Perfektion zu entwickeln, die die meisten anderen vielleicht gerade mal im Fitness-Studio probiert haben?

 

„Bis zum meinem 18. Lebensjahr habe ich Tennis und Eishockey gespielt. Nach dem Bundesheer ging ich dann erstmals in ein Fitness-Studio. Und irgendwie hat mich die Bank magisch angezogen, obwohl ich anfangs gerade mal die leere Hantelstange drücken konnte. Doch mit regelmäßigem Training zeigten sich bald die ersten Fortschritte, die mich weiter motivierten.“

 

Er hätte wahrscheinlich trotzdem nie den Weg zum Spitzensport gefunden, wäre er nicht Leopold Höller begegnet. Mit seinem unfehlbaren Auge für Kraftsport-Talente nahm ihn der langjährige Obmann des HSV Langenlebarn unter seine Fittiche. Nach über einem Jahr „Höller-Schule“, in der das Erlernen der Gewichtheber-Technik nicht fehlen durfte (er bestritt sogar einen Wettkampf, bei dem er gleich über 200 Sinclair-Punkte erreichte), vermittelte er Andreas zum FAC Gitti-City Stockerau. Dort gab es im Gegensatz zum damaligen HSV eine aktive Kraftdreikampf-Sparte.

 

„Die Gitti-City nahm mich herzlich in ihr Team auf und so bestritt ich 2006 meinen ersten Wettkampf für Stockerau. Es begann eine Serie zahlreicher Staats- und Landesmeistertitel sowie nationaler Rekorde. Ende 2007 schaffte ich dann das Limit für den Österreichischen Nationalkader und bereits ein Jahr darauf wurde ich zu meinen ersten Europameisterschaften geschickt.“

 

Auf Anhieb 4. im Kraftdreikampf und 5. im Bankdrücken war Andreas sowohl für Stockerau als auch für den österreichischen Kraftdreikampf-Sport ein Senkrechtstarter mit großer Zukunft. Dann der Rückschlag. Beidseitiger Leistenbruch durch eine Unachtsamkeit beim Training. Spitzensport verzeiht nicht die geringsten Unkonzentriertheiten. Es dauerte fast eineinhalb Jahre, bis Andreas wieder im Leistungssport verankert war.

 

„Nach meinem Comeback habe ich mich voll und ganz auf das Bankdrücken konzentriert. Schließlich war das von Beginn an meine große Leidenschaft. 2013 reaktivierte der HSV Langenlebarn dann seine Kraftdreikampf-Sparte und richtete dafür einen eigenen Raum mit bestem Profi-Equipment ein. Ich kehrte in meine sportliche Heimat zurück.“

 

Es folgten etliche Welt- und Europameisterschaften, bei denen er fast eine Medaille errang. „Fast erfolgreich“ – das sind die Schlüsselmomente, die reine Talente von echten Meistern unterscheiden. Erstere geben sich damit zufrieden, letztere nie auf. Mit großer Unterstützung seines Vorbilds Ewald Enzinger (Weltrekordhalter bei den Masters) perfektionierte er in endlosen Stunden seine Technik.

 

„Für einen Außenstehenden mag es so aussehen, als käme es im Bankdrücken nur auf Kraft an. Doch ohne die äußerst komplexe Technik vollkommen zu beherrschen, bist du international im Nirgendwo.“

 

2017 bot sich der neue Nationaltrainer Peter Hofstetter an, ihn neben den Kaderlehrgängen mit persönlich abgestimmten Trainingsplänen, wöchentlichen Feedbackrunden und Videoberichten zu betreuen. Andreas griff zu – die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt.

 

„So war ich perfekt vorbereitet und stärker denn je zuvor. Aber das wichtigste Gebot – und das möchte ich allen jungen Sportlern ans Herz legen – heißt: niemals aufgeben! Spitzenerfolge gibt es nicht umsonst. Doch wenn du dranbleibst und konsequent trainierst, wirst du auch die richtigen Leute kennenlernen, die dich unterstützen. Und wenn du dir außerdem deine Ziele immer vor Augen hältst, kannst du einfach alles erreichen.“

Noch ein EM-Titel für den HSV

 

Bei aller Euphorie dürfen wir natürlich die anderen beiden EM-Teilnehmer des HSV nicht vergessen, die bei den Masters (Altersklassen ab 40 Jahre) für Furore sorgten. Thomas Wetzstein gelang nach seinem WM-Titel im August nun mit EM-Gold das internationale Double. In einem Herzschlag-Wettkampf bezwang er den Polen Grzegorz Nocek mit dem Minimalvorsprung von 2,5 kg. Seine fabelhafte Leistung: 265 kg bei 92 kg Körpergewicht.

 

Weniger Edelmetall, dafür umso glänzender der Auftritt von Günter „Obelix“ Haberfellner. Als Unternehmer, der nahezu rund um die Uhr arbeitet, und mit 56 Jahren zu einer EM zu fahren und dort mit einer neuen persönlichen Bestleistung (165 kg) einen 4. Platz zu erkämpfen – da gehört schon jede Menge Mut und Herz dazu. Chapeau, Günter!

Ergebnisse HSV-Athleten

 

Allgemeine Klasse, Kat. -66 kg

1. Andreas Frasl (HSV): 222,5 kg (Ö-Rekord)

2. Stanislav Urusov (RUS): 217,5 kg

3. Natan Balogh (HUN): 190,0 kg

 

Altersklasse 1, Kat. -93 kg

1. Thomas Wetzstein (HSV): 265,0 kg

2. Grzegorz Nocek (POL): 262,5 kg

3. Jani Sundholm (FIN): 235,0 kg

 

Altersklasse 2, Kat. +120 kg

1. Ewald Enzinger (AUT): 310,0 kg

2. Robert Blom (SWE): 270,0 kg

3. Tony Chard (FRA): 200,0 kg

4. Günter Haberfellner (HSV): 165,0 kg

 

Erfolge von Andreas Frasl (seit 2006)

International

EM Bankdrücken: 4. Platz 2012, 5. Platz 2008, 2013 und 2014 – GOLD 2018

WM Bankdrücken: 4. Platz 2017, 5. Platz 2013 und 2014, 8. Platz 2012

EM Kraftdreikampf: 4. Platz 2008

National

Staatsmeister: 11 x Bankdrücken, 6 x Kraftdreikampf

Österreichischer Meister: 7 x Bankdrücken, 4 x Kraftdreikampf NÖ

Landesmeister: 9 x Bankdrücken, 5 x Kraftdreikampf